Ingrid Mössinger
Direktorin der Kunstsammlungen Chemnitz

Bernd Fischer

aus: „Zeitgenössische Kunst in der Deutschen Bank“,
Katalog der Sammlung der Deutschen Bank 1987, Frankfurt am Main

Bernd Fischer studierte von 1974 bis 1980 an der Hochschule für Gestaltung bei Hans Peter Münch und von 1976 bis 1982 an der Städelschule in Frankfurt am Main bei Michael Croissant. Diese Studienzeit versteht er „im nachhinein als eine Zeit des Versuchens verschiedener Ansätze, eines intensiven Kennenlernens des Mediums und meiner selbst“.

Vier einzelne Objekte O.T.Vier einzelne Objekte O.T.

1978
Farbe auf Holz
Je ca. max. 30 x 50 cm
Foto: Atelierhängung Städelschule
Objekt links: Christian Friedrichs;
Objekt mitte Oben: Späterer Innovationspreis

Eine Zeitlang experimentierte er mit Objekten aus Abfallhölzern, ein Weg, der ihm bald als „Sackgasse erschien“. Deshalb „nahm er wieder die Malerei auf, mit der er glaubte seine Vorstellung von Figur realisieren zu können“ glaubte. An die Zeit der Objekte erinnert Fischers Malerei trotzdem, weil er konventionelle Formen des Farbträgers wie regelmäßige Rechtecke ablehnt. Die Arbeiten auf Nessel, Leinwand oder Holz haben asymmetrische Formen oder bestehen aus mehreren Teilen. Stets wird auch Figur oder Gegenstand in ein Verhältnis zur reinen Farbfläche gesetzt. Fischer deutet damit an, dass das Thema Figur heute neu durchdacht und formuliert werden muss.

Die Entwicklung der Farbträgerformen erstreckt sich von gerade aneinander schließenden Tafeln über extreme Quer- oder Hochformate, serielle Reihungen von Einzeltafeln, zur Farbfläche zusammengezogene schmale Latten, bis zu asymmetrisch Verschobenen Rauten, aus denen noch Flächen für die Einfügung von kleineren Teilflächen herausgesägt sind. Die Hinwendung zur Malerei bedeutet also für Fischer nicht nur ein Experiment mit der Farbe, sondern besonders mit der Form. Dass gerade die Form auch eine wichtige Auswirkung hat, kann man im beispielhaften Vergleich zweier arbeiten erkennen. Auf einem aus zehn schmalen Hochrechtecken bestehenden Bild behandelt Fischer eines seiner zentralen Themen, das Fliegen in unbestimmtem Raum. Hierbei wird die Farbkontinuität trennende Form durch den Bildinhalt (Vogelflug) wieder zusammengefügt.

Vogelflug mit SpieglungVogelflug mit Spieglung

1983
Tempera / Ölfarbe Nessel, zehnteilig
170 x 300 cm

Anders stellt sich bei der aus schmalen Latten bestehenden, unterbrochenen Bildfläche eine Farbkontinuität auch ohne inhaltlichen Bezug her, weil dort die Farbe allein das Bild gleichsam nach rechts ausstößt. Wie wichtig die Form für Fischers Arbeiten ist, zeigt die Tatsache, dass der Eindruck von Instabilität vor allem durch die Abweichung der formen von symmetrischer Geometrie entsteht. Längere und kürzere, breitere und schmalere Tafeln werden in so spitzem Winkel aneinandergefügt, dass schmale Spalten entstehen, die den Arbeiten in ihrer Gesamtausdehnung den Ausdruck von Fragilität verleihen. Hinzu kommt, dass sich die Zusammengehörigkeit der Einzelteile eher über die Malerei als über die Form erschließt, wenn z.B. die Form des Rechtecks der kleineren Tafel auf der dazugehörigen größeren als Malerei wiederholt wird. Bei Fischers Arbeiten ist also die form veränderlich und die Farbe wird erst zu ihr in Beziehung gesetzt. In Umkehrung traditioneller Tafelmalerei ist das stabilere Moment nicht die Form, sondern die Farbe. In dieser Austauschbarkeit des Verhältnisses der Formteile zueinander drückt sich ein gegenwärtiges Bewusstsein von Irreversibilität und Instabilität aus.

AstronautAstronaut

1985
Gemalte und gedruckte Farbe auf Leinwand/Nessel
Zweiteilig, 125 x 135 cm
Evonic Services GmbH
(vormals Degussa)

Fischers bevorzugte Themen sind Vogel, Hand, Astronaut. So selbstverständlich das Fliegen des Vogels ist, so abhängig von der Technik macht es den Menschen. Was zunächst als Befreiung schien, wird ihm zur Fessel. Eingepackt wie in einem Kokon, muss er sich mit technischen Hilfsmitteln künstlichen Bedingungen unterwerfen, die ihn zur Mensch-Maschine Astronaut machen. Gerade die den Menschen konstituierenden physischen und psychischen Bedingungen werden verkapselt. In diesem Zusammenhang bekommt die Hand als Träger direkter Motorik, von Tastsinn und unmittelbarer menschlicher Wärme den Charakter eines Symbols für die Sehnsucht nach manuellem Gleichgewicht in einer Welt entmanualisierter Technizität. Da Technik die Ablösung der über die Hand vermittelten direkten Motorik des einzelnen menschen zur Folge hat, ist ihre zentrale Darstellung ein Zeichen für die Trauer über den Verlust an individuellen Möglichkeiten.

KopfKopf

1986
Tempera auf Holz, zweiteilig
113 x 144 cm
Deutsche Bank, Frankfurt/Main

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