Bernd Fischer

Helmut-Hild-Haus

Text der am 13. 11. 2002 im Helmut-Hild-Haus in Weilburg gehaltenen Rede

Sehr geehrte Damen und Herren, dass für das Helmut – Hild – Haus ein Bild von mir angekauft wurde, ist mir eine ehrenvolle Freude.Pfarrer Barkowski bat mich um eine kurze Ansprache zu meinem Bild.

Als Maler artikuliere ich mich mit einem optischen Medium, also vornehmlich wortlos. Ein überlieferter Satz heißt: „Maler bilde und schweige“. Die erste und bisher letzte Rede die ich über eine Arbeit von mir gehalten habe liegt 23 Jahre zurück. Damals sprach ich in Frankfurt auf der Pressekonferenz eines deutschen Wirtschaftsclubs über den neu ins Leben gerufenen und von mir gestalteten weltweit ersten Innovationspreis.
Pfarrer Barkowski fragte mich, ob ich etwas über das meinem Bild zugrunde liegende Gottesverständnis sagen könne. Ich nehme dieses Anliegen, auch wegen des Ortes an dem mein Bild seinen Platz gefunden hat, sehr ernst. Möchte Sie aber um Verständnis bitten, wenn ich die Frage nicht beantworte.
Einer der Grundsätze die ich in meinem Studium an der Frankfurter Städelschule bei Prof. Croissant lernte war, das es nicht ausschlaggebend ist was ein Künstler denkt oder fühlt wenn er arbeitet. Entscheidend hingegen ist für das Werk was er ist.
Im Laufe meiner nun über 22 Jahre dauernden selbstständigen, künstlerischen Tätigkeit als Maler und meiner etwa 6 Jahre lang ausgeübten Lehrtätigkeit an der Städelschule hat sich diese Auffassung immer wieder bestätigt. Eine Antwort die glaubhaft für mich selbst meine Arbeit in auf Gott bezogene Weise interpretiert ist mir aus diesem Grund nicht leistbar. Was möglich ist sind Hypothesen und mit einem Fragezeichen versehene Antwortversuche.

Körperraumstudie, 1996Körperraumstudie

1996
Tafelbild
81,5 x 96 cm
Zentrum für Kirche und Diakonie
Helmut-Hild-Haus, Weilburg

Diese Frage nach dem, was ich bin, die ohne die Frage nach dem, was die Welt ist nicht zu beantworten ist, ist mir ein ständiger Begleiter. Mir ein Bild von der Welt und mir zu machen, ist ein mich treibender Wunsch, der je nach Stimmung einmal anmaßend oder ein anderes mal sträflich naiv erscheint. Beruhigung finde ich immer wieder in der Kunst die im Lichte der eben geäußerten Fragen der zentrale Auseinandersetzungsort für mich geworden ist. Und darüber kann ich Ihnen etwas sagen, das vielleicht Ihren Zugang zu meinem Bild erleichtern kann.Die Kunst auf die wir uns heute und in Europa beziehen, die in Museen, öffentlichen- und halböffentlichen oder privaten Sammlungen vertreten ist, ist größtenteils sicher die der Zeit nach Christi Geburt.

Das Bildverständnis unserer Kultur ist undenkbar ohne die Architektur, Bildhauerei und Malerei die im Auftrag der verschiedenen Kirchen geschaffen worden ist. Giottos, Michelangelos, Riemenschneiders oder Grünewalds Werke sind ohne kirchliche Aufträge nicht vorstellbar. Diese Künstler hatten im Unterschied zu mir vom Auftraggeber die Vorgabe eines verbindlichen Inhalts der gesellschaftlicher Konsens und damit für die meisten Menschen verstehbar war. Die Künstler fanden und bedienten Bilder für allgemein verstandene Inhalte.
Im Laufe der Geschichte, verbunden unter anderem auch mit dem Rückzug der Glaubensgemeinschaften als Auftraggeber, ist allmählich ein Inhalt verschwunden der für die meisten Menschen dieses Kulturkreises verständlich gewesen ist. Die Künstler reagierten in dem sie die Kunst zum Thema der Kunst machten.
Für mich ist diese Entwicklung eine die ich sehr interessant, auch schätzenswert finde und in die ich als heute arbeitender Künstler zwangsläufig gestellt bin. Mein Unbehagen daran ist die mir zu starke Selbstbezogenheit und damit auch gesellschaftlich isolierte Position zu der dies geführt hat.
Ad Reinhard, ein amerikanischer Maler hat dies in der Mitte des letzten Jahrhunderts programmatisch in folgender Formulierung wiedergegeben:
„Malerei ist Malerei und alles Andere ist alles Andere.“ Diese radikale Scheidung zwischen Kunst und Leben ist in dieser historischen Situation und in dieser künstlerischen Ausprägung für mich überzeugend. Aber meine eigene Position ist eine Andere.
Ein Bild ist für mich immer auch ein Bild von etwas. Wir sehen mehr oder weniger die sichtbaren Aspekte der Welt. Als Maler arbeite ich mit Farben und Formen die mit den Augen ebenso wahrgenommen werden wie z.B. ein Apfel oder eine Schlange. Einen Apfel kann man essen, die Schlange kann einen beißen. Aber was kann ein Bild? Man sagt dieser Stil oder jenes Kunstwerk sagt mir etwas oder sagt mir nichts, entspricht meinem Geschmack oder entspricht ihm nicht. Eine Farbe kann lieblich oder bissig sein. Die Kombination von Apfel und Schlange erweckt bei den Menschen dieses Kulturkreises andere Assoziationen als die von Huhn und Ei. Als Maler arbeite ich vornehmlich mit Farben und Formen. Dies ist die Wahrheit des Mediums. Wie und wozu ich aber die Formen und Farben artikuliere ist eine Frage der künstlerischen Intention. Also eine Frage, welche das Selbst- und Weltverständnis des Malers berührt. Alberto Giacometti, einer der Titanen der Kunst des 20. Jh. sagte in der ersten Hälfte desselben, „Die erste Aufgabe des Künstlers ist es seinen eigenen Standpunkt auszumachen und zu bestimmen.“ Dieser Satz gilt nach meiner Auffassung ohne eine Veränderung noch heute und wird wahrscheinlich erst dann zu einem historischen werden, wenn die Stellung und Funktion der Kunst in der Gesellschaft eine Andere geworden ist.

Aber von was können Bilder handeln? Welche Inhalte können in Bilder gefaßt werden wenn es keine allgemein verbindlichen – oder zumindest allgemein verständlichen Inhalte mehr gibt?
Die ägyptischen Bildwerke, die vor etwa 2400 bis 5000 Jahren in einem ganz anderen funktionalen Zusammenhang entstanden sind als die heutige Kunst, vereinen in sich die Wiedergabe einer vielfältig wahrgenommenen, komplexen Natur mit der Frage nach den Zusammenhängen zwischen dem Einzelnen und dem Gesamten.
In der griechischen Antike werden andere Gottesvorstellungen in anderen Bildfindungen, deren Sprache aus der damaligen Gegenwart geschöpft ist visualisiert. Vergleichbares geschieht in der Bildsprache der Bibel – mein Beispiel mit dem Apfel und der Schlange spielte ja darauf an.
Aber welche Elemente unserer Gegenwart können auch ein Ausdruck für das Überzeitliche werden? Und wie sind sie kommunizierbar?
Eine Frage die mich lange Zeit begleitet hat und durch die ich im Laufe meiner Auseinandersetzung auf das Röntgenbild gekommen bin. Mit diesem Aufnahmeverfahren werden seit etwas über 100 Jahren Bilder vom für unsere Augen unsichtbaren Inneren unseres Körpers gewonnen. Zunächst war es das, was mich neben der mich ebenso faszinierenden Ästhetik der Röntgenaufnahme, interessierte. Denn hier nahm ich eine Parallele zu dem wahr was für mich Kunst bedeutet: eine sichtbare Formulierung unsichtbarer Inhalte. Das meiste was die Menschen bewegt ist in irgendeiner Form unsichtbar. Sicher spiegelt z.B. ein Gesichtsausdruck ein Gefühl, einen Gedanken wieder, aber er verhält sich zu diesem an sich Unsichtbaren wie die berühmte Spitze des Eisbergs zum restlichen Eisberg. Außerdem ist was gelungene Röntgenaufnahmen zeigen unzweifelhaft vorhanden. Es sind Abbildungen von etwas das jedem der einmal von diesem Verfahren gehört hat bekannt ist und insofern ist auch eine allgemeine Verständlichkeit des von mir gewählten benennbaren Inhalts möglich.

Sowohl das Sichtbar werden von etwas Unsichtbaren als auch das allgemein Verständliche und auf den Menschen bezogene interessiert mich an dem Röntgenbild. Im Rahmen dieses Wissens eröffnete sich mir die Möglichkeit als Maler und als Künstler mit dem Röntgenbild Aspekte unseres Menschseins zu thematisieren.

Interesselos bin ich allerdings einer medizinischen Diagnose gegenüber, die ja der hauptsächliche Grund ist weswegen dieses Aufnahmeverfahren zur Anwendung kommt. Dies mag, um auf mein vorhin gewähltes Bildbeispiel zurück zukommen, eine ähnliche Perspektive sein wie die biblische auf die Frucht der Erkenntnis. Auch hier spielt es eine untergeordnete Rolle ob es eine Feige oder ein Apfel gewesen war (es gab einmal eine theologische Diskussion darüber) und es spielt keine Rolle ob es ein Boskop oder Cox Orange gewesen ist den Eva verbotener Weise Adam reichte. Die weitreichenden Folgen dieser „Fruchtreichung“ sind unabhängig von dem konkreten Bild, aber sie sind in diesem auch gleichzeitig zum Ausdruck gebracht worden.

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