Interview Stefan Reis und Bernd Fischer

Erschienen im „Main Echo“, Aschaffenburg, am Freitag den 26.09.2008, auf Seite 26

Wie kam es dazu, als Künstler Workshops für Unternehmen anzubieten?
Das geschah eher passiv: Ein Unternehmen – eine Beratungsfirma – kam auf mich zu und fragte an, ob ich einen Workshop für Mitarbeiter geben könnte. Interessant daran war: Innerhalb des Unternehmen konnte sich jede Abteilung einen Workshop nach eigener Wahl wünschen – und eine dieser Abteilung wollte eben mit einem Künstler arbeiten. Bislang hatte ich das Glück, dass ich immer angesprochen wurde – auch, weil die Unternehmen über meinen Lehrauftrag an der Städelschule auf mich aufmerksam wurden. Inzwischen verweise ich natürlich auf meiner Internetseite auf diese Referenzen.

Wie gestaltet sich die Arbeit in solchen Unternehmens-Workshops? Sie arbeiten dort ja auch mit Vertretern des gehobenen Managements: einer Klientel also, die eher selten ihre Entscheidungen in Frage stellt – sich bei Ihnen aber in einer Unterrichtssituation befindet.
Die Teilnehmer haben im Gegensatz zu Kunstschülern kein zielgerichtetes Anliegen. In der Regel ist der Workshop eine Auflockerung in einem größeren Konferenz- oder Tagungsrahmen: Meist geraten die Teilnehmer dann in eine Situation, um die sie zuvor gar nicht wussten – sie werden also zunächst überrascht und stellen sich dann auf die Aufgabe ein. Vom Unternehmen ist der Workshop natürlich gewollt – aber aus Sicht der Teilnehmer muss man ihn eher als ein Zufallsereignis sehen.

Und wie bringen Sie die Teilnehmer dazu, mit der neuen Situation umzugehen?
Meine Aufgabe sehe ich darin, innerhalb der spezifischen Rahmenbedingungen eines Workshops Aufgabenstellungen zu entwickeln die Erfolgserlebnisse nahe legen. Ich möchte die Teilnehmer, die sich vielleicht nicht »begabt« für Kunst halten oder es bewusst auch gar nicht sein wollen nicht Überfordern, im Gegenteil: es geht mir darum, Freude am Malen wecken. Dabei spielen Verhaltensweisen eine große Rolle: Sich beim Malen mal so richtig austoben zu können, einfach auch mal Farbklecksereien zu veranstalten: Das ist ganz menschlich und wird auch bei diesen Workshops ausgiebig genutzt – soll es ja auch. Das ist befreiend, gerade in der Unternehmens-Hierarchie sehr weit oben Stehende können da auch mal aus ihrer Rolle ausbrechen und sich einfach dem – ihrem – Spaß hingeben. Das ist ein Moment, den ich sehr schön finde und auch sehr begrüße. Es kann in diesem Erlebnis der Keim zu einer weiterführenden Beschäftigung mit Malerei oder eine veränderte Wahrnehmung von Kunst liegen.

Talente werden also nicht zwingend gesucht und gefördert.
Nein, überhaupt nicht. Talentsuche für bildende Künstler ist hier nicht das Thema. Wenn ich bei einem Teilnehmer ein künstlerisches Talent bemerke gehe ich gerne darauf ein und versuche es im Rahmen der Gegebenheiten zu fördern. Wichtiger in diesen Workshops ist die mögliche Erkenntnis individueller, bisher unbekannter Fähigkeiten – beispielsweise für intuitives Handeln, für Ästhetik, für kreative Problembewältigung -. Viele Teilnehmer halten diese Workshops für »anstrengend«: Das ist eine Standardantwort.

Was wird als anstrengend empfunden?
Vor allem den ästhetischen Moment zu kreieren. Da bricht ein altes Klischee über Kunst durch: Man denkt, man vermengt einfach ein bisschen Farbe, schmiert sie auf die Leinwand – und fertig ist moderne Kunst. Und plötzlich stellt man fest, dass es an einer Stelle etwas nachzubessern gilt und an einer anderen die Proportionen nicht stimmen – und plötzlich verheddert man sich in dem, was einem zuvor so einfach erschien. Man versucht, wieder die Herrschaft über das Geschehen zu bekommen und muss Entscheidungen treffen, konzentriert sein, permanent in der Gegenwart bleiben. Aber: Auf diesem Weg gibt es Schönheit zu entdecken, auch ein Anliegen der Kunst. Das ist mir sehr wichtig, das sehe ich als einen Ansatz für diese Workshops. Die Teilnehmer sollen sich da ganz und gar ausleben können, sollen ihre Phantasie und Kreativität entdecken. Zu erwarten, dass man als Teilnehmer die Kunst des Malens »lernt«: Das ist nicht der Fall.
Es gibt zwei Aspekte, auf die Teilnehmer von Ihren Workshops immer wieder verweisen: zum einen die aufkommende innere Ruhe während der Arbeit – zum anderen der Stolz, dass die Arbeiten in den Unternehmen meist dauerhaft gezeigt werden. Es erfordert Mut, im Beisein von Arbeitskollegen etwas zu tun, was neu ist. Im Grunde ist es wie das Erschließen neuer Märkte: Man geht ein Risiko ein, man darf und will sich keinen Flop leisten. Im Workshop hat der natürlich keine gravierenden Auswirkungen, aber: Der Teilnehmer lernt, mit seinem selbst auferlegten Druck umzugehen. Er weiß, dass er sich etwas trauen kann, ohne dass es gleich Konsequenzen hat. Und natürlich ist es ein gutes Gefühl, wenn der Arbeitgeber dieses sich-trauen würdigt, indem er die „Belege“ davon in den Firmenräumen ausstellt.

Konnten Sie sich zu Beginn ihrer Künstler-Laufbahn vorstellen, dass der harte Faktor Wirtschaft die Hilfe des weichen Faktors Kunst in Anspruch nehmen würde?
Nein. Aber im Grunde ist die Vorstellung nahe liegend. In den USA buchen Unternehmen Jazz-Workshops, um ihren Mitarbeiten Improvisation und Kreativität – zwei wesentliche Elemente des Jazz – zu vermitteln. Der Gedanke ist also so einzigartig nicht. Ich selbst profitiere ja auch davon, finde beispielsweise die Entwicklung von Wirtschaft sehr spannend.

Und wie entwickelt die sich aus Sicht des Künstlers?
Es ist eine Binsenweisheit, aber sie ist wahr: Wirtschaft wird immer stärker auf Wissen und Entscheidungsfähigkeit und auf Weiterentwicklung von interdisziplinärer Teamarbeit setzen. Das ist für Kunst, die ja auf das Individuum setzt, eine wirklich spannende Erkenntnis. Aber als Künstler registriere ich auch, dass beispielsweise bei der optischen Darstellung und Wahrnehmung ein zunehmender Analphabetismus gegeben ist.

Ist das eine bildungspolitische Kritik?
Nein, das ist ein Beobachten des Zeitgeistes und seiner technischen Möglichkeiten. Nehmen wir den Renaissance-Künstler Piero de la Francesca, der ein Buch über kaufmännisches Rechnen geschrieben hat – zu einer Zeit ohne einheitliches Maßsystem. Für Kaufleute war also eine optische Erkenntnis ohne fassbare Daten notwendig: heute unvorstellbar. Moderne Verkehrsleitsystemen beispielsweise reduzieren Sprache auf sofort erkennbare Zeichen – ein Widerspruch zu jeder optischen Erfahrung, die auf differenzierter Wahrnehmung aufbaut. Wir leben zwar in einer Informationsflut, die aber optisch unsensibel und sogar unintelligent ist. Hier ist ein riesiges Potenzial, an dem Ökonomie und Kunst miteinander arbeiten könnten. Den Rahmen eines Workshops würde das allerdings sprengen.

» Workshops von Bernd Fischer

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